Wie heizt man ein gewachsenes Stadtviertel klimafreundlich, wenn die Gebäude alt sind, die Flächen knapp und die Prozesse kompliziert? Genau dieser Frage widmet sich ein neuer Praxisleitfaden des Fraunhofer-Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik (IEE), denn sie ist nicht nur für Stadtwerke und Kommunen relevant, sondern auch für Energiegenossenschaften, die sich für das Thema Wärme interessieren.
Der Leitfaden ist das Ergebnis des Forschungsprojekts „UrbanGroundHeat" und zeigt Schritt für Schritt, wie oberflächennahe Geothermie – also die Nutzung von Erdwärme über Sonden, die einige hundert Meter tief in den Boden reichen – in bestehenden Stadtquartieren eingesetzt werden kann.
Warum gerade Bestandsquartiere?
In neu gebauten Stadtvierteln lässt sich eine moderne Wärmeversorgung von Grund auf mitplanen. In gewachsenen Quartieren mit alten Mehrfamilienhäusern, Schulen oder Gewerbebetrieben ist das deutlich schwieriger: Einzelne Gebäude lassen sich oft kaum effizient sanieren oder unabhängig voneinander umrüsten. Der Ansatz des Leitfadens lautet deshalb: Mehrere Gebäude werden über ein gemeinsames Nahwärmenetz verbunden und gemeinsam versorgt.
Die Wärme stammt dabei aus dem Untergrund. Erdwärmesonden zapfen die dort gleichmäßig vorhandene Temperatur an – unabhängig vom Wetter und zu jeder Jahreszeit verfügbar. Wärmepumpen heben diese Energie anschließend auf ein nutzbares Heizniveau an. Das Ergebnis ist eine verlässliche, weitgehend emissionsfreie Wärmeversorgung, die fossile Energieträger ersetzt und die Betriebskosten langfristig stabilisiert.
Was leistet der Leitfaden konkret?
Stadtwerke, Kommunen, Planungsbüros und Energiegenossenschaften stehen bei solchen Projekten vor einer Fülle von Fragen: Lohnt sich das an diesem Standort überhaupt? Was erlaubt das Bergrecht? Wie wird die Anlage richtig dimensioniert? Wie rechnet sich das Ganze?
Der Leitfaden beantwortet diese Fragen strukturiert – von einem ersten Machbarkeits-Check über die Analyse des geologischen Untergrunds und des lokalen Wärmebedarfs bis hin zu technischen Varianten, wirtschaftlichen Kennzahlen und rechtlichen Rahmenbedingungen. „Mit dem Leitfaden geben wir Stadtwerken und Kommunen ein Werkzeug an die Hand, um dieses Potenzial systematisch zu erschließen und in konkrete Projekte zu überführen", so Dr. Michael Krause vom Fraunhofer IEE.
Ein besonderer Mehrwert: Bisherige Regelwerke beziehen sich meist auf Einzelgebäude. Dieser Leitfaden denkt erstmals konsequent auf Quartiersebene – und schafft damit die Grundlage für skalierbare Lösungen in dicht bebauten Stadtgebieten.
Hier geht es zur Pressemitteilung und zum Praxisleitfaden selbst.
Der Leitfaden entstand im Rahmen des vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderten Projekts „UrbanGroundHeat", an dem neben dem Fraunhofer IEE unter anderem das Fraunhofer IEG, die GASAG Solution Plus, die Trianel GmbH sowie die Stiftung Umweltenergierecht beteiligt waren.