In Rekordzeit hat die eegon – Eifel Energiegenossenschaft eG in Marienthal das erste nachhaltige Nahwärmenetz im Ahrtal realisiert. Es macht 33 Häuser unabhängig von fossiler Energie.
Das katastrophale Hochwasser 2021 hat das kleine Dorf Marienthal an der Ahr im Landkreis Ahrweiler vollständig zerstört. Beim Wiederaufbau wurde klar, dass die Menschen vor Ort eine sichere, nachhaltige und zentrale Wärmelösung möchten. Für diese Lösung wurde eine Projektträger gesucht. „Das ist sinnvoll, wir machen das!“. So haben die Verantwortlichen der Bürgerenergiegenossenschaft eegon reagiert, als sie gefragt wurden, ob sie die Trägerschaft für das Nahwärmenetz übernehmen. Es musste schnell gehen, damit die Bürger*innen in Marienthal im nächsten Winter wieder ein warmes Zuhause haben.
„Die Förderanträge waren sehr komplex“, sagt Dieu Trinh Nguyen, Projektentwicklerin bei der eegon. Es galt verschiedene Förderkulissen zu prüfen und zu entscheiden, welche die wirt-schaftlichste und sinnvollste ist. Und es musste schnell gehen, bis kurz vor Weihnachten arbeitete die eegon an den Anträgen. Ende Januar 2022 erhielt sie den vorzeitiger Maßnahmenbe-ginn, Energie- und Klimaschutzministerin Katrin Eder überreichte im März vor Ort die Bewilligung.
„Wir sind in vollem Umfang komplett in Vorleistung gegangen“, sagt Dieu Trinh Nguyen. Das konnte die Genossenschaft, weil es ein ertragreiches Wind- und Sonnenjahr war und eegon viele neue Mitglieder gewonnen hat. So sind fast alle Wärmekund*innen aus Marienthal Mitglied geworden. Die Gesamtinvestition beträgt 2,1 Millionen Euro, etwa ein Drittel bekommt die eegon nach Projektende aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE).
Gemeinschaftsprojekt mit guter Zusammenarbeit
Für die eegon ist Nahwärme ein neues Geschäftsfeld. „Das war ein Sprung ins kalte Wasser“, sagt Dieu Trinh Nguyen. Die eegon ist Betreiber des Nahwärmenetzes und hat den Bau koordiniert. Das hieß: Viele Termine vor Ort, enge Zusammenarbeit mit den Planungsbüros, umfangreiche Ausschreibungen, Absprachen mit der Verwaltung. Wichtiger Unterstützer war Rolf Schmitt vom Hochwasserhilfeverein als „Kümmerer“ vor Ort, der die Menschen vor Ort kennt und gute Kontakte zur Verwaltung hat.
Es gab viel Unvorhergesehenes zu managen, etwa die Entsorgung belasteten Bodenaushubs. Manche Gewerke mussten dreimal ausgeschrieben werden, die Preise waren durch die Liefer- und Personalengpässe stark gestiegen. Für die Steuerung der Heiztechnik braucht es schnelles Internet. Doch das gibt es nach der Flutkatastrophe noch nicht, deshalb braucht es eine provisorische Lösung mit einer mobilen SIM-Karte. Durch die „engagierte und kooperative Zusammenarbeit, sowie die offene und produktive Kommunikation“, konnte das Projekt zum Erfolg geführt werden, so Vorstand Johannes Pinn.
Sonne und Holz in Kombination
Nach einem halben Jahr Bauzeit ist es dann so weit. Am 2. November wurden Heizzentrale und Netz in Betrieb genommen. Das Nahwärmenetz integriert Holzpellets und Solarthermie, das garantiert ganzjährig eine sichere Versorgung. Die zwei Pelletkessel mit 240 und 180 kW sind bereits in Betrieb. Hinzu kommt ein Pufferspeicher für die Solarthermie, die wahrscheinlich im April installiert wird. Mit Solarthermie sollen 15 Prozent der gesamten Wärme erzeugt werden. Die Pellets kommen regional aus dem Westerwald.
Zukunftsmodell klimaneutrale Wärmeversorgung
„Der heutige Tag ist nicht nur für die klimaneutrale, nachhaltige und sichere Wärmeversorgung ein Meilenstein, sondern auch für die Dorfgemeinschaft Marienthals, die nach der Flutkatastrophe noch enger zusammengerückt ist“, würdigte Ministerpräsidentin Malu Dreyer bei der offiziel-len Inbetriebnahme am 20. November 2022 das Wärmeprojekt als Zukunftsmodell für andere Orte im Ahrtal und für Rheinland-Pfalz. „Das Beispiel Marienthal zeigt, wie zukunftsweisende, gemeinschaftliche Planungsentscheidungen für eine Wärmeversorgung zum Erfolg der Energiewende beitragen.“ ergänzte Energie- und Klimaschutzministerin Katrin Eder.
„Aktive Teilhabe schafft Akzeptanz und Transparenz“, sagte Johannes Pinn, ehrenamtlicher Vorstand der eegon, in seinem Grußwort. „Wir freuen uns, wenn möglichst viele Wärmekunden auch Mitglied in der Genossenschaft sind. Dann können sie mitreden und selbst die Geschicke ihrer Wärmelieferanten mitgestalten.“ Für Vorstand Pinn ist das Projekt auch ein Beispiel dafür, dass „Bürgerenergie auch komplexe und schwierige Projekte stemmen kann.“
Was den Erfolg ausmacht
Was empfiehlt die eegon anderen Energiegenossenschaften, die sich mit dem Thema Nah-wärme beschäftigen? Erst einmal ein überschaubares Projekt umsetzen, um Erfahrungen zu sammeln. Gibt es eine Machbarkeitsstudie? Ist das Projekt realisierbar? Ist es wirtschaftlich und kann die Genossenschaft die Größe stemmen, um die Investition vorzufinanzieren. Für Dieu Trinh Nguyen ist das Wichtigste ein starker, erfahrener Partner, zu dem es ein Vertrauensverhältnis gibt. So wie es bei der Dorfwärme Marienthal das Planungsbüro ibs Energie war.
„An der Ahr sind wir jetzt als verlässlicher und offener Akteur bekannt“, sagt Dieu Trinh Nguyen. Die eegon bekommt viele Anfragen aus dem Ahrtal, will jedoch erst einmal das Projekt in Marienthal erfolgreich finalisieren. „Dann können wir uns vorstellen ein weiteres Projekt in Angriff zu nehmen, denn die Dörfer wollen nachhaltige Lösungen.“
Mehr Informationen zum Projekt beim Energieatlas Rheinland-Pfalz.