Bürger Energie Hohenstein: „Wir wollen den lokalen Charakter behalten“

Zum Mitglied: Bürger Energie Hohenstein

Oliver Fedtke und Manfred Jenner auf dem Rheinland-Pfalz-Tag 2022 Copyright: privat

Eine eigene Identität doch administrativ Teil eines größeren Ganzen: Die Idee von Zweigniederlassungen zieht Kreise. Die Bürger Energie Hohenstein im Taunus ist ein Beispiel. Gespräch mit Prokurist Oliver Fedtke.

Wie kam es zu der Gründung?

Wir haben intern diskutiert, was wir wollen und sind auf einen sehr lokalen Ansatz gekommen, die Energiewende von unten nach oben aufzuziehen. Dabei haben wir uns mit der Gründung einer Energiegenossenschaft beschäftigt, die ohne ein richtiges Geschäftsmodell schwierig ist und zudem aufwändig. Wir haben dann den Kontakt zur pro regionale energie eG geknüpft. Die Frage war: Fügen wir uns in das große Ganze ein und verlieren dann den lokalen Charakter? Uns wurde klar: Wir wollen den lo-kalen Faktor behalten. Von der pro regionale kam dann die Idee einer Zweigniederlassung.

Was sind die größten Vorteile?

Einmal die Entlastung in der Administration. Wir hatten keine aufwändige Gründung, die Prüfung durch den Genossenschaftsverband macht die pro regionale. Und wir haben den Sachverstand in der Organisation. Wir sind andererseits eine selbständige Zweigniederlassung mit einer gewissen Hoheit in den Finanzen. Wir haben ein eigenes Bankkonto, stellen selbst Rechnungen aus, etwa für Balkonkraftwerke. So können wir unseren lokalen Erfolg darstellen. Buchhalterisch sind wir eine Kos-tenstelle, doch führen wir intern ein eigenes Controlling, damit wir wissen, wo wir stehen. Wir ziehen auch die Geschäftsanteile auf unser Konto ein.
Ich bin Prokurist und deshalb eine Art Beisitzer in den Vorstands- und Aufsichtsrats-Sitzungen der pro regionale, doch ohne Stimmrecht. Die Funktion eines Vorstandes mit Stimmrecht würde auch Sinne machen, doch das ist eine zeitliche Frage.

Und die Mitglieder?

Sie sind Mitglieder der pro regionale, aber stehen unter Hohensteiner Verwaltung. Wir übernehmen die Mitgliederverwaltung, bestätigen die Mitgliedschaft, haben eine eigenen Newsletter.

Gibt es weitere Vorteile?

Die Synergien. Es macht keinen Sinn, dass jede Niederlassung das Gleiche macht und sich dann in das Thema fuchst. So sucht sich jede Zweigniederlassung Schwerpunkte und agiert übergreifend und unterstützend. Wir veranstalten zum Beispiel Workshops zu Balkonkraftwerken im gesamten Gebiet der pro regionale. Man kann uns buchen.

Was entscheidet Ihr selbst?

Wir entwickeln aktuell Ideen und unsere Schwerpunkte. Wenn es um größere Investitionen ginge wie etwa ein PV-Anlage mit mehreren zehntausend EURO Kosten, dann würden wir uns die Zustimmung des Vorstandes holen. Eigene Projekte werden wir selbst ausrollen, in unse-rem Bilanzkreis Nachrangdarlehen ausgeben und die Mitgliedsanteile einziehen, doch das geht nur mit enger Abstimmung des Vorstandes.

Gibt es Nachteile?

Langfristig nicht. Doch bedarf es in der ersten Zeit einer ganzen Menge an Abstimmungen. Was gehört wohin? Man muss sich gut strukturieren und eine sinnvolle Gesamtstruktur aufbauen, daran tüfteln wir noch. Ein Beispiel ist, wie wir kommunizieren. E-Mails haben hier ihre Grenzen.

Zudem braucht es eine einheitliche Strategie, weg von “Kleinstaaterei“ in den Zweigniederlassungen hin zu einem größeren Ganzen! Das wird umso wichtiger, da wir mit der Bürgerenergie Bad Schwalbach bereits eine zweite Zwiegniederlassung in der Genossenschaft haben.

Was macht Ihr konkret?

Ein Grundpfeiler sind Balkonkraftwerke, das läuft sehr intensiv, erfordert viel Beratung, der Ertrag steht allerdings in keinem Verhältnis zum Aufwand. Hier gibt es viel Interesse. Wir haben bisher über 100 Balkonkraftwerke verkauft, das weit über Hohenstein hinaus. Zufrieden sind wir bei 1000 Anlagen...

Als weiteren Grundpfeiler informieren wir lokal über die Möglichkeiten regenerative Energie zu sparen, zu erzeugen oder zu kompensieren. Deswegen haben wir die Energie Werkstatt Hohenstein erfunden und führen Veranstaltungen zu verschiedenen Themen durch. Diese sind sehr gut besucht, oft kommen über 100 Menschen.

Wo wollt Ihr hin?

Natürlich wollen wir ein richtiges Geschäftsmodell aufbauen mit gemeinschaftlichen Photovoltaikanlagen auf kommunalen und privaten Dächern, vielleicht auch mit kleinen PV-Freiflächen. Bei uns im Taunus steht auch Windkraft an. Da wird uns das Know-how in der pro regionale helfen.

Aktuell kommen Privatpersonen auf uns zu wegen PV-Anlagen. Wir verweisen dann auf unsere genossenschaftseigene Tochtergesellschaft Genotechnik GmbH für die weitere Projektabwick-lung. In Sachen Wärme ist es schwierig, doch haben wir vor Ort einen versierten Heizungsbauer, der sich auf Wärmepumpen im Gebäudebestand spezialisiert hat. Auch das thematisieren wir im Rahmen unser Energie Werkstatt Hohenstein.

Wo steht Ihr in drei Jahren?

Wir werden mehr als eine große gemeinschaftliche Photovoltaikanlage haben, in die wir Kapital investieren. Langfristig wollen wir nicht nur regenerative Energie erzeugen. Zu unserer Vision eines klimaneutralen Hohensteins gehört auch die Frage: Wie können wir das Rad umdrehen und bringen die Energie an die Bürger:innen in Hohenstein günstig zurück?

 

Die Fragen stellte Rainer Lange.