Energiegenossenschaft Kappel eG: Als Kappeler für die Kappeler

Zum Mitglied: Energiegenossenschaft Kappel eG

Die Heizzentrale des Kappeler Wärmenetzes. Hier wird die Abwärme einer Biogasanlage genutzt, zwei Pufferspeicher sorgen für den nötigen Ausgleich. Copyright: Energiegenossenschaft Kappel eG
Wenn die Abwärme der Biogasanlage nicht ausreicht, erzeugen zwei Hackgut-Kessel die Sptzenlast an Wärme. Copyright: Energiegenossenschaft Kappel eG

Wärmeversorgung in Bürgerhand durch regenerative Energie anstelle einer Abhängigkeit von fossilen Energien und der Weltpolitik: Das ist die Gründungsidee der Energiegenossenschaft Kappel eG im Rhein-Hunsrück-Kreis.

Die Bilanz nach zehn Jahren Energiegenossenschaft lässt sich sehen. Im Ort mit 432 Einwohnern sind mittlerweile 120 Gebäude in Kappel an das Nahwärmenetz mit einer Länge von etwa fünf Kilometern angeschlossen, zum größten Teil Wohnhäuser, aber auch alle Einrichtungen der Gemeinde sowie ein Geflügelhof – und die Kirche. Das sind mehr als drei Viertel der bewohnbaren Häuser im Dorf. Jedes Jahr werden 650 bis 750 Tonnen CO2 eingespart. Die Nahwärmegenossenschaft Kappel ist wirtschaftlich stabil und erwirtschaftet Jahr für Jahr ein Plus. Zwei Mal konnte eine genossenschaftliche Rückvergütung an die Mitglieder ausgezahlt werden. Dank des Wärmeverkaufs konnte die Genossenschaft eine 75kWp-Photovoltaikanlage auf den Dächern des Hackschnitzellagers sowie der Heizzentrale installieren lassen und produziert den größten Teil des benötigten Stroms selbst. „Eine kleine Genossenschaft in einem kleinen Dorf muss wirtschaftlich arbeiten“, sagt Vorstand Michael Stein.

Klinken putzen

Im Frühjahr 2014 ging es los. Eine Machbarkeitsstudie im Auftrag der Gemeinde hatte festgestellt, dass ein Wärmenetz in Kappel wirtschaftlich betrieben werden kann. Schnell wurde klar, dass eine Energiegenossenschaft die passende Rechtsform ist, um möglichst viele Bürgerinnen und Bürger zu beteiligen. „Wir haben damals Klinken geputzt“, sagt Michael Stein. Jeder Haushalt musste im persönlichen Gespräch vom Vorteil der Nahwärme überzeugt werden. „Was kostet es denn?“ Diese Frage beantworteten die Initiatoren mit „Wenn Du mitmachst, wird’s billiger“. Ein Argument war auch, dass im Grundpreis alle Investitionskosten sowie die Reparaturen eingerechnet sind. Auf die Haushalte kommen keine weiteren Kosten zu. Es war den Genossen wichtig, alle an das Netz anzuschließen, die mitmachen wollten, auch wenn in abgelegenen Häusern eine Pelletheizung wirtschaftlicher gewesen wäre.

2014 wurde die Bundesstraße 421, die den gesamten Ort durchquert, saniert. Die Genossenschaft beteiligte sich an dieser Maßnahme und verlegte ihre Wärmeleitungen im Straßenkörper. Das sparte Kosten, doch sorgte für einen hohen Zeitdruck. Doch die Kappeler Energiegenoss*innen stellten sich der Herausforderung und begannen im Sommer 2014 mit dem Bau des ersten Abschnitts des Wärmenetzes. Parallel dazu erwarb die Genossenschaft ein geeignetes Grundstück für die Errichtung der Heizzentrale, der Pufferspeicherhalle und der Hackschnitzellagerhalle und startete den Bau der Heizzentrale samt Hackschnitzelbunkern. Schon im Dezember 2014 konnte die Heizzentrale in Betrieb genommen werden. 2015 hatten die Kappeler es schließlich geschafft. 88 Häuser waren an das Wärmenetz angeschlossen und die Wärmeversorgung gesichert.

Als Kappeler für die Kappeler

Elektrische Arbeiten ausführen, Mauerdurchbrüche zu den Kellern bohren, Hausübergabestationen installieren. Ein Erfolgsfaktor der Nahwärmegenossenschaft sind die vielen Aktiven. „Wir haben 200.000 Euro der 2,1 Millionen Gesamtinvestitionen in Eigenleistung erbracht“, so Vorstand Michael Stein stolz. In der Bauphase habe man
sich jede Woche getroffen und geplant, was am Samstag gearbeitet wird. Jung und Alt waren dabei. Bis heute macht die Energiegenossenschaft alles selbst, vom Einkauf der Holzhackschnitzel, über die Überwachung der Heizzentrale und des Wärmenetzes bis zur Abrechnung mit den Wärmekund*innen. Die Wartung der Anlage haben
Genossenschaftsmitglieder übernommen, die eine Ausbildung als Heizungsbauer, Elektriker, Mechatroniker oder Schlosser haben, auf Mindestlohnbasis. Immer noch sind mehr als 20 Personen in der Genossenschaft aktiv. Was ihn immer noch überrasche, sei die große Hilfsbereitschaft und die Selbstverständlichkeit, mit der die Aufgaben bewältigt werden, meint Michael Stein. „Wir stehen zusammen, als Kappeler für die Kappeler.“

Gut abgestimmtes Konzept

In den Wintermonaten erzeugen die zwei Hackgut-Kessel à 500 KW die Spitzenlast an Wärme. Das Holz für die Hackschnitzel stammt aus den Wäldern der Gemeinde Kappel und ihren Nachbargemeinden. Zusätzlich nutzt die Energiegenossenschaft günstig die Abwärme der Biogasanlage der Bio-Energie-Hunsrück, einem Unternehmen im Dorf. Hinzu kommen zum Ausgleich von Erzeugung und Verbrauch zwei doppelt isolierte Pufferspeicher von je 25.000 Liter. Die Abwärme der Biogasanlage wird über Wärmetauscher in das Nahwärmenetz eingespeist. In Übergangszeiten sowie den Sommermonaten reicht diese Abwärme aus. Weil der Wärmebedarf durch die zusätzlichen Anschlüsse gestiegen ist, hat die Genossenschaft in Eigenleistung eine Notheizung installiert, die bisher noch nicht gebraucht wurde.

Hohe Akzeptanz

Es sei bei den Mitgliedern angekommen und werde geschätzt, dass die Energiegenossenschaft die Anlage eigenverantwortlich und wirtschaftlich betreibe, so Vorstand Stein. Neben der Akzeptanz im Dorf sieht er einen weiteren Aspekt: „Das Wärmenetz aus regenerativen Energien verschafft dem Dorf einen Standortvorteil und macht es für neue Bürgerinnen und Bürger interessant.“